Prolog 
Wer die Werke von Barbara Feuz (*1963) betrachtet lässt sich auf faszinierende, vielschichtige Welten ein. In Wandbildern, Objekten und Installationen verbindet sie unterschiedliche Medien und erschafft ein reiches Feld an Assoziationen und damit die Möglichkeit, ästhetische Erfahrungen zu gewinnen. Wie Sirenengesänge verführen die Arbeiten mit visuellen Qualitäten und öffnen sich zugleich in abgründiger Bedeutung.
Unverzichtbarer Bestandteil ihrer künstlerischen Arbeit ist das Zeichnen. Oszillierend zwischen Raum und Fläche bedeutet es für die Künstlerin Freiheit, visualisiertes Denken und Seelenbild zugleich, spontanes Realisieren und konzeptuelle Analyse. Sie erforscht damit sichtbare und unsichtbare Räume und erschafft neue Zwischenwelten. Im Zeichnen liegt für sie der Ursprung einer schöpferischen Welt. Duktus und Materialisierung zeigen sich in einer grossen Bandbreite. Linien können Felder aufspannen, Ornamente bilden, zu Geweben wachsen, als Spiel mit Fäden den Raum erobern und sich zu irisierenden Knäueln verdichten. Neben der Zeichnung sind es Textilien und Materialien, die die Künstlerin faszinieren und Eingang in ihre Installationen finden.
Mit ihren Arbeiten steht Barbara Feuz in einem aktuellen zeitgenössischen Diskurs, der den Stellenwert des Zeichnens ins Zentrum stellt und neu definiert. Wie auch Claudia und Julia Müller, Marc Bauer, Silvia Bächli, Matthew Barney oder Jorinde Voigt arbeitet sie daran, die Unmittelbarkeit des Mediums für ihre Zwecke zu nützen und weiter zu entwickeln.
 
In <My house is your house>, von 2014, verdichten sich innere und äussere Bilder in einem alten Puppenhaus. In dem überschaubaren Lebensbereich - fein säuberlich aufgeräumt - manifestiert sich eine scheinbar heile Welt:
4 Zimmer und ein Bad, sorgfältig eingerichtet, alles hat seinen Platz und seine Aufgabe: Das eheliche Doppelbett im Schlafzimmer, die Küche mit Esstisch und Putzwerkzeug, der weisse Flügel im Musikzimmer und das Gästebett im „Chambre separée“ sprechen von einer gutbürgerlichen Ordnung. Doch die Räume sind verlassen und menschenleer, aufgeladen mit einer geheimnisvollen Atmosphäre. Übergrosse Stoffbahnen quellen nach aussen, versehen mit Angaben zu Warennummer und Hersteller. Jedes Zimmer erhält seine besondere Gestimmtheit. Filigrane Zeichnungen an den Wänden und Mehrfachlagen von Textilmustern als Bodenbelag brechen mit der Idylle und rücken die Installation ins Surreale. Diese Welt wird von einer überdimensionalen, dämonischen Katze bewacht. Sie sitzt oben auf dem Hausdach mit gekrümmtem Buckel. Wie die Ausgeburt eines Alptraums blickt sie aus grünen Augen zum Betrachter. Mit dem Bruch der Dimensionen beginnt eine Zeitreise in die Vergangenheit: Die Kindheit, einerseits Objekt der Sehnsucht, Zeit der Märchen und Wunder, andererseits eine traumatische Welt, besetzt von Ängsten. Es ist ein ambivalenter Zeitabschnitt, der sich hier visuell manifestiert.
 
 Katzen erscheinen auch in anderen Arbeiten von Barbara Feuz, so in <Fränzi, Spielende Katze> von 2014. Wie ein kleiner Kobold verheddert sich der weisse Stubentiger in die langen Fäden, die von einem cremefarbenen, üppigen Hochzeitskleid ausgehen und zwei Realitätsebenen miteinander verknüpfen, zweidimensionale Stickzeichnung und dreidimensionaler Raum treten in Verbindung. Das Tierchen scheint lustvoll das Gewebe aufzulösen und die Fäden zu strapazieren, die an kunstvollen Blumen-Stickereien und Bordüren auf dem Gewand anknüpfen. Auf dem Boden eine dekorative Stuckatur und an der Decke ein antiker Kronleuchter helfen die luxuriöse Robe zu inszenieren. Der „Traum in Weiss“ wird überhöht, erscheint wie ein kostbares Relikt aus vergangenen Zeiten, ein schönes aber überholtes Sinnbild der Geschlechter. Demontiert die Katze als Alter Ego der Künstlerin dieses Rollenbild? Erst bei spezieller Beleuchtung, wird eine zweite „gezeichnete“ Stickschicht auf dem Dekor sichtbar: Grosse Falter haben sich auf der Blütenpracht niedergelassen. Die Künstlerin versieht die Brautkleidung mit Leuchtfäden, die erst unter UV-Bestrahlung erscheinen. Licht, das auf die Nachtbewohner eine verhängnisvolle Anziehungskraft ausübt, die oft mit ihrem Verderben endet. Bei normaler Beleuchtung kaum sichtbar erwachen die Insekten erst in der Dunkelheit zum Leben. Sie verdichten sich zu Traumgespinsten und führen in der Nacht ihr Eigenleben.
Sie besetzen camouflageähnlich das Ornament und stören es gleichzeitig als ästhetische Nutzniesser, die sich auf dem ach so unschuldigen Symbol von Jungfräulichkeit und Reinheit niedergelassen haben. Es sind zwei Dimensionen, die hier zusammenstossen und Zeitlichkeit sichtbar machen: Mit Rüschen und Spitzen verzierte Kleider erzählen von Sinnlichkeit und inszenierter Weiblichkeit aus einer vergangenen Epoche, der zeitgenössische  „Mottenbefall“ hingegen untergräbt den schönen Schein und hinterfragt tradierte Vorstellungen.
 
Wie ein Schatten aus Graphit erscheinen die zwei schwarzweissen Frauenkleider von 2008. Das verführerisches Negligé einer jungen Frau und das hochgeschlossene, grossgemusterte Abendkleid einer reifen Persönlichkeit sind mit feinsten Strichlagen auf grosse, hochformatige Papiere gezeichnet. Die Absenz des Körpers macht ihn umso präsenter. Die Gewänder werden zu Stellvertreterinnen von weiblichen Rollen und den damit verbundenen Erwartungen. Sie stehen für Projektionsflächen von Tabu und Begehren, sind melancholischen Zeichen des Verlustes von Autonomie.
 
Schimmernde Wesen tauchen auch in den <Ritzzeichnungen> von 2007 auf. In Schabtechnik kratzt die Künstlerin Fische, Quallen und andere Lebewesen aus einer schwarzen Kreideschicht heraus. Aus der Tiefe der Dunkelheit geboren funkeln sie kurz um sogleich mit einem Flossenschlag wieder zu verschwinden. Ein geheimnisvoller Raum, der nicht durchdrungen, nicht ergründet werden kann tut sich auf. Wie die Dimension des Unbewussten, wo kurz Erinnerungsfragmente an die Oberfläche dringen, wie Nachbilder aus Träumen und wieder ihrer Wege ziehen. Was liegt wohl noch alles verborgen in diesen unergründlichen Tiefen?
 
 Expansives Ungeziefer wie Fliegen, Motten und Milben sind die Protagonisten bei Drosophila&Co von 2011. Bedeutungsvoll, dass gerade diese verkannten und missachteten Tierchen das edle Geviert von Renaissancetapeten erobern – „Low“ und „High“ begegnen sich. Ohne sich um die Vornehmheit ihres Wirtes zu scheren, nisten sich die Eindringlinge unbekümmert im strengen Rapport ein und leuchten giftig grün aus dem antiken Rot hervor. Die gestickten Wesen entspringen der Geste der Zeichnung und durchbrechen mit expressiver Kraft die klaren Muster als ob sich eine ungestüme Emotion der strengen Ratio entgegenstelle. Barbara Feuz schafft mit hintergründigem Humor Zwischenwelten, wo sich in fluoreszierenden Stickzeichnungen archaische Kräfte bündeln, die sich den Regeln und Normen verweigern.
 
 Woher kommen wohl diese aufmüpfigen Kreaturen? Vielleicht sind sie den von 2004-2010 entflohen. Auf Papieren so klein wie Postkarten oder bis zum monumentalen Format von 1.50 cm x 1000 cm erschafft Barbara Feuz mit Tusche und Feder . Es sind Bildflächen, gefüllt mit einer dynamischen Handschrift, kalligraphischen Strichlagen, Bündeln und Spuren, die ein fantastisches Territorium hervorbringen. Im Arbeitsprozess verhindern Format und körperliche Nähe die Kontrolle über die Bildentstehung. Zeichnen wird zum performativen Akt und Erforschung eines inneren Kosmos.
In den weiten Bildräumen öffnen sich Wege und verlieren sich in einer wilden Natur, in einer menschenleeren Welt des Wucherns und Gedeihens. Es ist, als ob hier die Zivilisation untergegangen wäre und sich die Natur das Paradies zurückerobert habe. In einer fantastischen Flora wachsen neben Palmen auch Schachtelhalme, Blüten öffnen ihre bizarren Kelche, Kleinstlebewesen wie Schnecken und Insekten tauchen auf, geheimnisvolle Kugeln schwirren wie grosse Pollenkörner durch den Äther oder schweben als ferne Planeten am Horizont. Hier springt eine Katze auf, dort lauert ein Reh im Gebüsch - es ist als ob man von unzähligen Augen heimlich beobachtet würde - die Natur seber zum Wesen mutiert ist. Selten tauchen Spuren von Menschen auf – ein einsames Fernrohr liegt auf dem Weg oder eine verlassene Flasche mit Glas erinnert an ein Picknick. Allem scheint ein Rätsel inne zu wohnen und die Aufforderung an den Betrachter, diese Welt für sich zu erschliessen.
 
 Iris Kretzschmar, lic. phil.